Bruderhähne

Die Diskussion um das Töten männlicher Küken wurde lange Zeit überhaupt nicht geführt. Um Hühner zu haben, die eine unglaubliche hohe Zahl an Eiern legen hat man in Kauf genommen, dass die männlichen Tiere wirtschaftlich ohne Bedeutung und deshalb eigentlich übrig sind. Die Natur bringt aber im Schnitt zur Hälfte Hennen und zur anderen Hälfte Hähne. Zoos, Tierhandlungen, Falknereien sowie die Petfood-Industrie haben davon profitiert und die männlichen Küken abgenommen.

Wo liegen die Wurzeln dieser Fehlentwicklung? Dazu muss man in die knappen Zeiten direkt nach dem 2. Weltkrieg zurückgehen, in denen die ordentliche und mehr als ausreichende Versorgung der Bevölkerung Europas die Richtung bei Tier- und Pflanzenzucht sowie der Tierhaltung und der schnellen Effizienzsteigerung auf der Fläche vorgab.
Gleichwohl muss man heute zur Kenntnis nehmen, dass dafür viel Tierwohl, viel genetische Vielfalt und viel langfristig sinnvolle Weichenstellung z.B. bei Zweinutzungsrassen egal welcher Tierart über Bord geworfen wurde. Das Ergebnis sind Hochleistungskühe, deren männliche Kälber ebenso übrig sind da sie kein Fleisch ansetzen, sowie Hochleistungshühner und auch Hochleistungsputen, bei denen „viel Fleisch in möglichst kurzer Zeit“ auf das Tier wächst. Leider hat man vergessen auf die Punkte hinzuweisen, durch welche man sich diese Höchstleistung erkauft: Hybridzucht, massive Geschlechterunterschiede, Massentierhaltung, hochtechnisierte Schlacht- und Zerlegeindustrie. Dazwischen eine Futtermittel- und eine Pharmaindustrie, die ebenfalls notwendig wurden, um den „Gesundheitsstatus“ der Bestände zu erhalten.

Seit 2012 gibt es verschiedene Initiativen, die sich dieser Frage angenommen und nach Lösungen gesucht haben. Wir meinen, dass zu schnell nach einer Antwort für das moralisch-ethische Problem des Kükentötens gesucht wurde, ohne alle grundsätzlich möglichen Szenarien einmal zu Ende zu denken. Aus unserer Sicht spielen nämlich folgende Faktoren zur umfassenden und nachhaltigen Beantwortung der Frage ebenfalls eine wichtige Rolle:

  • Wie viel Fläche wird für die Aufzucht der Bruderhähne verbraucht (4 qm/Vogel)? Wo sind die Ställe für die Bruderhähne?
  • Wie viel Futter wird pro kg erzeugtem Fleisch verbraucht (5-6 kg/Vogel – im Vergleich zum normalen Masthähnchen mehr als das doppelte)?
  • Wie viel Fleisch wird mit diesen knappen Gütern am Ende erzeugt und gibt es einen Markt für dieses Fleisch?

Wir sind der Meinung, dass man es zu Beginn der Bruderhahn Projekte versäumt hat, dem Handel sowie den VerbraucherInnen den direkten Bezug zwischen Ei und Bruderhahn klar zu machen. Die Eier waren überall sehr beliebt, allein, es fehlte an der Umsetzung der Fleischvermarktung. Weiterhin war die Weitergabe des im Laden pro Ei bezahlten Mehrpreises an die Bruderhahn Mäster schwierig, es fehlte an der entsprechenden Schiedstelle. Überspitzt gesagt hätte man Schwesterhenneneier nur bei gleichzeitigem Kauf von Bruderhahn Produkten an die KundInnen abgeben dürfen.

Es liegt also ein langer Weg vor denjenigen, die das ändern wollen. Denn die Entwicklung in den vielen Jahren seit 1945 kann nicht in wenigen Wochen oder Monaten zurückgedreht werden. Die Konzentration in der Elterntierindustrie, die sich im Laufe der Zeit derart hochschaukelte, dass es mittlerweile nur noch 2 Konzerne gibt die den Finger auf der Genetik aller weltweit verwendeten Geflügelrassen haben, ist dabei ein zusätzliches Hindernis. Die kleine, überschaubare Bio-Branche kann an dieser Stelle schlichtweg nicht das entsprechende Gegengewicht aufbringen und muss nun, ähnlich dem Kampfe David gegen Goliath, mit einfachsten Mitteln versuchen, die Richtung zu ändern.

Neben den Wegen „Bruderhahn Mast“ und „Züchtung auf Zweinutzungsrassen“ gibt es eine weitere Alternative: Die sog. In-Ovo-Geschlechtserkennung. Dabei wird das Geschlecht des sich entwickelnden Kükens am kurz angebrüteten Ei bestimmt. Die Eier, aus denen männliche Küken schlüpfen würden, werden aussortiert und als Industrie-Ei weiterverarbeitet. Eier mit weiblichen Küken werden weiter bebrütet und geben am Ende Hühner mit sehr guten Legeleistungen.

Unser Beitrag zur Vermeidung des Kükentötens ist die Produktrange „Mr. Chick’n“. Unter dieser Marke werden derzeit 3 Artikel hergestellt, die alle zu 100 % aus Bruderhahnfleisch bestehen: Eine grobe Bratwurst, Mini-Bockwürste sowie Mini-Frikadellen. Alle Artikel findet man im gut sortierten Naturkostfachhandel.