True Cost Accounting – was Lebensmittel wirklich kosten

True Cost Accounting – was Lebensmittel wirklich kosten

Wir bezahlen auf viele Art und Weisen für unsere Lebensmittel, nicht nur an der Supermarktkasse. Denn die wahren Kosten, die bei Erzeugung und Herstellung für Lebensmittel entstehen, variieren. Und zwar je nachdem, wie die Lebensmittel hergestellt worden sind und wie gut oder schlecht sie zu einer gesunden Ernährung beitragen – oder eben nicht.

Das „True Cost Accounting“ („echte Kostenrechnung“, sinngemäß eher „ehrliche Kostenrechnung“) in der Lebensmittel- und Agrarwirtschaft ist eine derzeit im Entstehen begriffene Methode, um die wahren, tatsächlich entstehenden Kosten sowie den Nutzen verschiedener Lebensmittelproduktionssysteme sowie deren etwaige negativen Auswirkungen für die Gesellschaft (lokal, national, international) zu bewerten.

Die derzeit praktizierten Herstellungsmethoden bei Erzeugung, Verteilung, Handel und dem Verbrauch von Lebensmitteln verursachen erhebliche Schäden für die Umwelt, den Boden, das Klima, die biologische Vielfalt, die ländlichen Gemeinschaften sowie die öffentliche Gesundheit.

Wir zahlen für diese Schäden entweder auf versteckte Weise, z.B. durch Wassergebühren, welche die Kosten für die Reinigung unseres Trinkwassers von Pestiziden beinhalten. Oder über Steuern, die fehlgeleitete Agrarsubventionen und Umweltsanierungskosten finanzieren, bspw. Reparaturen nach Überschwemmungen und Hochwassern. Der Preis des Lebensmittels bildet diese Kosten jedoch nicht mehr ab.

Wir übernehmen auch die Kosten für ernährungsbedingte Krankheiten. Diese Kosten spiegeln sich zum einen in den Abgaben zur Krankenversicherung wider und werden zum anderen oft künftigen Generationen oder gar anderen Ländern auferlegt. Sichtbar wird dies derzeit beim Klimawandel und der Bodenvernichtung, der Zerstörung von Regenwäldern sowie dem Aussterben vieler Tier- und Pflanzenarten.

Obwohl unsere Lebensmittel auf den ersten Blick nie billiger gewesen zu sein scheinen, bezahlen wir an anderer Stelle tatsächlich viel, viel mehr dafür, als wir uns das vermutlich vorstellen können. Dazu müssen wir aber genauer hinschauen und den wahren Gründen hinterhergehen.

Die Öko-Landwirtschaft hat diese Zusammenhänge verstanden und so bilden die Preise für Bio-Lebensmittel tatsächlich einen echten, einen ehrlichen Preis ab. Denn Bio-Bauern belasten unser Trinkwasser nicht mit Pflanzenschutzmitteln und auch nicht mit Nitrat. Sie erhalten die Artenvielfalt bei Pflanzen und suchen bei den Tieren nach angepassten Rassen was Robustheit und Genügsamkeit angeht. Sie versuchen, die Vermarktungswege möglichst kurz zu halten und haben so einen großen Einfluss auf die Entwicklung von regionalen Märkten sowie des ländlichen Raumes. Weiterhin steht die Öko-Landwirtschaft direkt auch für Tierwohl und Tierschutz in der Nutztierhaltung. Niedrige Besatzdichten, langsameres Wachstum, teureres Futter – Qualität auf allen Ebenen der Erzeugung hat eben ihren Preis.

Und so ist am Ende das Bio-Lebensmittel das günstigere, billigere Lebensmittel, denn der Einfluss, den eine an ökologischen Kriterien ausgerichtete Landwirtschaft auf die gesamte uns umgebende Welt hat, ist immens. Genau aus diesem Argument heraus leiten wir unsere Forderung nach einer Befreiung von Bio-Lebensmitteln von der Mehrwertsteuer ab. So wäre ein erstes politisches und marktrelevantes Zeichen „pro Bio“ gesetzt.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter den nachfolgenden Links:
https://www.natureandmore.com/de/entdecken-sie-was-unser-essen-wirklich-kostet
https://www.sustainablefoodtrust.org

Warum ist Bio teurer?

Warum ist Bio teurer?

Bio-Lebensmittel sind ganz offensichtlich immer teurer als konventionelle. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Aufräumen möchten wir direkt mit dem Gerücht, dass sich die Bio-Bauern eine „goldene Nase“ verdienen. Die Investitionen, der Personal- und Flächeneinsatz und nicht zuletzt die immer noch kleinen Mengen sind im Bio-Landbau schlichtweg höher.

Aber eins nach dem anderen. Wir haben 5 Faktoren identifiziert, welche Gründe für den höheren Preis sind:

Faktor 1: Geringerer Flächenertrag
Die im konv. Landbau üblichen synthetisch hergestellten Düngemittel finden im Bio-Landbau keine Anwendung.
Hier darf nur betriebseigener Dünger bzw. Dünger von Kooperationsbetrieben ausgebracht werden.
Dieser hat somit einen natürlichen Ursprung (Stroh-Kot-Gemisch von Rindern, Schweinen und Geflügel, Gülle aus Rinder- und Schweinebetrieben, Kompost) und verfügt nicht über die gleiche Wirkung wie synthetischer Dünger. Diesem ist weiterhin der hohe Energieaufwand für die Herstellung anzulasten. Die Erträge sind im Bio-Landbau über die langjährigen Mittel um ca. 35 % niedriger.

Faktor 2: Niedrigere Besatzdichte in den Ställen
Eine hohe Produktivität bzw. Effizienz erreicht man bei der Erzeugung von Masttieren dann, wenn man auf 1 qm Stallfläche möglichst viele Tiere unterbringt. In der konv. Landwirtschaft gibt es unterschiedliche Konzepte, sodass man nicht von der konv. Besatzdichte an sich sprechen kann. Der Druck seitens der VerbraucherInnen sowie der Politik drückt sich hier in sinkenden Zahlen aus. Bei den Puten kommt man jedoch von über 60 kg pro qm Stallfläche, bei den Hähnchen von 45 kg.
Dennoch ist keines der Konzepte bei 21 kg Lebendgewicht pro qm Stallfläche wie der Bio-Landbau. Bei den Puten teilen sich damit 1,1 Hähne und 2,2 Hennen einen qm im Stall. Bei den Hähnchen sind es knapp 7.

Faktor 3: Wintergarten und Auslauf
Jeder Stall auf unseren Betrieben hat einen Wintergarten, welcher 1/3 der Stallfläche ausmacht und den Vögeln so einen großen Außenklimabereich bietet. Gerade bei widrigen Witterungsverhältnissen nutzen die Vögel gerne diese überdachten und mit Netzen geschützten Bereich. Unsere Erfahrung ist, dass die Wintergärten großen Einfluss auf das Tierwohl und die Tiergesundheit haben und so ein wichtiger Zwischenbereich zwischen Auslauf und Stall sind.

Die Ausläufe unserer Ställe sind mit 4 qm pro Hähnchen und 10 qm pro Pute angelegt. Da einige unserer Ställe Neubauten sind ist auch die Bepflanzung mit Bäumen, Büschen und Sträuchern noch rel. jung. Aber da spielt die Zeit für uns … Ideenreichtum ist bei Schutzeinrichtungen und Unterständen gefragt. Der Phantasie der Bauern sind hier kaum Grenzen gesetzt. So sieht man von Holzhütten, Blechdächern bis hin zu kleinen Folientunnels in unseren Ausläufen so ziemlich alles, was irgendwie Schatten und Windschutz bietet.

Sowohl die Wintergärten wie auch die Ausläufe sind tierwohlrelevant – stehen auf der Gegenseite aber mit entsprechenden Kosten in der Bilanz. Deshalb tragen auch diese Dinge zu einem höheren Preis als dem konventionellen Preis bei.

Faktor 4: Kleinere Einheiten ohne Mengendegressionseffekte
Die Produktionseinheiten im konv. Bereich sind so groß, dass es bis zu einem gewissen Punkt Mengendegressionseffekte gibt. Wenn die Futtermittel- und Lebendtier-LKW immer voll ausgelastet sind, wenn die Schlacht-, Zerlege- und Verpackungsanlagen im Mehrschichtbetrieb betrieben werden können und wenn am Ende wieder volle Kühlzüge in den Handel rollen, dann wirkt sich das in erheblichem Umfang auch auf die Preise aus. Der Bio-Fleischbereich und im Besonderen der Bio-Geflügelbereich sind (noch) eine absolute Nische. Aus diesem Grund treten Degressionseffekte nur in sehr geringem Maße auf. Natürlich stellt sich die Frage ob es sinnvoll ist, Bio-Geflügel irgendwann im gleichen Umfange zu produzieren wie jetzt konventionelles (wir glauben das nicht). Gleichwohl könnte man hier bei einem größeren Marktanteil die Kosten durchaus noch senken – was sich in einem günstigeren Preis im Laden zeigen würde.

Nichtsdestotrotz bleiben wir dabei, dass die konv. Produkte schlichtweg zu billig sind und der dadurch entstehende Preisunterschied zu groß und nicht gerechtfertigt ist (s. True Cost Accounting).

Faktor 5: Flächengebundene Landwirtschaft
Im Bio-Landbau kann keine Erzeugung von Tieren stattfinden, wenn sie nicht an entsprechende Flächen gebunden ist. Was jetzt wie eine Binsenweisheit klingt ist besonders im Westen und Norden der Republik aber seit Jahrzehnten Gang und gäbe: Eine intensive Tierproduktion von Geflügel und Schweinen ohne eine der Tierzahl irgendwie entsprechende Acker- oder Grünlandfläche. Da das Futter auf den Bio-Betrieben bis zu 50 % selber hergestellt werden muss (egal ob im eigenen oder einem Kooperationsbetrieb) ist eine Mindestfuttergrundlage sowie eine Mindestfläche zur Ausbringung des anfallenden Mistes vorhanden. Das ist im konv. Landbau und speziell in den o.g. Gebieten nicht so. Aus diesem Grund kommt es zu einem Mist- und Gülleüberschuss, der gleichwohl auf Flächen ausgebracht werden muss auf welchen die Futterpflanzen nicht gestanden haben. Auch deswegen ist der Importanteil von Futtermittelkomponenten im konv. Bereich so hoch. So kommt es aber nicht zu einem Betriebskreislauf, sondern zu Einbahnstraßen beim Export von bspw. Soja aus Übersee und Gülle und Mist, die am Ende im Land bleibt. Dort fehlen die Nährstoffe welche die Pflanze dem Boden entzogen hat für die nächsten Kulturen, bei uns ist dagegen ein Überschuss davon vorhanden.

Rohware europäischer oder deutscher Herkunft, die nach den Vorgaben der anerkannten Anbauverbände produziert worden ist, ist deshalb teurer. Da die Futterkosten beim Geflügel zu ca. 70 % zu Buche schlagen ist dieser Faktor ein entscheidender. Schlechte Ernten, schlechte Qualitäten besonders bei den Eiweißkomponenten sowie die Funktion der Zwischenhändler sind dafür verantwortlich, dass sich Änderungen im Futtermittelbereich direkt auf die Preise im Handel auswirken.

Faktor 6: Tierwohl Premium Stufe
Seit Jahren wird nunmehr auf allen politischen sowie NGO-Ebenen das Thema „Tierwohl“ diskutiert. Dabei bewegt man sich zwischen Aussagen wie „Deutschland ist das beste Geflügelland und die Standards sind so hoch wie sonst nirgends“ und „wenn der Verbraucher den Mehrpreis nicht bezahlen will dann bleibt eben alles wie es ist“ hin und her. Kurz: Niemand möchte etwas ändern, alles ist gut und letztlich trägt der Verbraucher die Verantwortung für die Tierhaltung. Wolfgang Reimer, Regierungspräsident des Regierungsbezirks Stuttgart, sagte in seiner Zeit als Amtschef des Ministeriums für ländlichen Raum: „Der Handel quält die Tiere!“ Sicher überspitzt, dennoch wird die Funktion des Handels verdeutlicht, der sich viel stärker in diese Diskussion einmischen müsste um damit seiner Mittlerrolle zwischen Erzeugung und Verbraucher gerecht zu werden. Und mittlerweile tut er das auch und entwickelt Tierwohlzeichen um Tierwohlzeichen.

Beinahe unbemerkt und leider viel zu leise hat die Bio-Landwirtschaft schon immer die Tierwohl Premium Stufe erzeugt. Dem Motto „Tue Gutes und rede darüber“ ist man in der Branche jedenfalls nicht gefolgt und so ist es den wenigsten tatsächlich bewusst, dass „Bio = Tierwohl“ ist. Aber eben noch mehr. Wir halten es nämlich für falsch, „nur“ das Tierwohl in den Fokus zu rücken. Wir wollen das große Ganze betrachten und dabei auch den berechtigten Anforderungen des Bodens, der Menschen sowie der Umwelt gerecht werden.

Es wird darauf ankommen, den VerbraucherInnen zu kommunizieren, dass das Tierwohl eine der Säulen der Öko-Landwirtschaft ist und dass das Tierwohl von Anbeginn an berücksichtigt und ständig weiter entwickelt worden ist. Jedem muss klar sein, dass Fleisch aus Bio-Betrieben Fleisch aus tierartgerechter und achtsamer Haltung ist.

 

Wie wenig reicht? Strategie zur Verpackungsvermeidung bei Freiland Puten

Wie wenig reicht? Strategie zur Verpackungsvermeidung bei Freiland Puten

Kunststoffe sind derzeit in aller Munde – und das nicht nur verbal. Microplastik ist in allzu vielen Gewässern zu finden und kommt so über Fische, Meeresfrüchte und über Algen auch auf den Teller der VerbraucherInnen. Und: Die Deutschen sind Verpackungsweltmeister 2017. Allein in Deutschland werden jedes Jahr 15 Mio Tonnen Plastik verbraucht. Für Flaschen, für Tüten, für Strohhalme und für Einweggeschirr. Die Liste ist nicht vollständig …

Das Problem ist nicht neu. Wir haben deshalb schon im Jahr 2002 damit begonnen, die Menge der mineralölbasierten Verpackung durch die Verwendung einer dünneren Folie durch Kombination mit einem FSC-zertifizierten Recyclingkarton zu verringern. So sparen wir bei der Fleischverpackung jedes Jahr über 7.000 ltr Erdöl durch die dünnere Folie ein. Auch bei der Wurstverpackung haben wir durch ein kleineres und leichteres Format eine Vermeidung von 3.500 ltr. Erdöl. Macht pro Jahr also mind. 10.500 ltr. Erdöl und in 10 Jahren schon mind. 105.000 ltr. Erdöl.

Das ist auch ein Grund dafür, weshalb wir nur so wenig MAP-Schalen wie möglich einsetzen. Die Verpackung für Produkte, die unter Schutzatmosphäre in den Handel kommen, sind von Haus aus größer, dicker und lassen relativ viel Luft zwischen Produkt und Verpackung. Im Vergleich zu unserer Vakuumfolie ist für den gleichen Inhalt 2,5 mal mehr Kunststoff verbraucht worden.

Auch die immer moderner werdenden Skinverpackungen (eng am Produkt anliegend, wie eine zweite Haut) sind verpackungsintensiver. Auch hier zeigt der Vergleich zu unserer Vakuumfolie, dass beinahe 2 mal mehr erdölbasierte Folie verbraucht wird. Natürlich sieht das schick aus und lässt das Produkt rein optisch viel besser zur Geltung kommen. Die Frage ist ob uns die Nachteile bei den Mengen des zurückbleibenden Verpackungsmülls die bessere Optik wert sind.

Aktuell haben wir eine Wurstverpackung im Testlauf, bei welcher die sog. Unterfolie aus bis zu 70 % Papierfasern besteht. Die Trennung dieser mehrschichtigen Folie ist relativ kompliziert. Nur in speziellen Anlagen kann die Papierfaser herauskompostiert und vom Kunststoffanteil getrennt werden. Wir stellen aber hier die Frage, ob nicht jeder vermiedene Liter Öl, den man nicht zur Herstellung von Folie verwendet, nicht ein guter Liter Öl ist.

Die derzeit angebotenen Verpackungen aus Maisstärke sind technologisch leider noch nicht für Produkte geeignet, die eine gewisse Feuchtigkeit mit sich bringen, wie unser Fleisch und unsere Wurst. Darüber hinaus konnte noch keiner der Anbieter eine GVO-Freiheitsbestätigung vorlegen. Eine Verpackung, die aus GVO-Mais hergestellt wurde möchten wir jedoch auf keinen Fall verwenden.

Welche weiteren Alternativen gibt es derzeit? Es werden Kartons angeboten, die einen Teil des eingesetzten Holzes durch Grasfasern ersetzen. Diese Variante ist noch in der Erprobung und derzeit noch nicht praxisreif. Und bestimmt sind auch bei der Pflanzenstärke noch nicht alle Mittel ausgereizt. Durch die Mitarbeit in Fachgremien auf Verbandsebene versuchen wir unseren Input in die Diskussion zu bringen und gleichzeitig von den Erfahrungen der KollegInnen zu profitieren. Hier ist noch viel Luft nach oben und wir wollen dabei sein, dieses Potenzial auszuloten und zu nutzen.